Alles Einstellungssache, Korsika 2014

Von fez, 8. Mai 2014 18:37

Handfester Spass!

Ralph und ich lernten uns 2011 in Korsika auf einer Tour mit Joe kennen. Ralph war zwischenzeitlich noch 2 x in Korsika, ich nicht. Nun hatten wir endlich die Möglichkeit gemeinsam hierher zu kommen und uns zu zweit Bäche “zu erarbeiten”. Ich liebe diese Art des technischen Paddelns die auf Korsika vorherrscht und ich liebe Granit. Mehr noch, Granit hat für mich persönlich eine regelrechte “spirituelle Qualität”, mag der geneigte Leser davon halten was er will…

Nur zu zweit unterwegs zu sein birgt bekanntlich Risiken.Wir denken aber das wir diese gut im Griff hatten, der Charakter der korsischen Bäche kommt dem aber auch entgegen. Wir waren auf Fium Orbo und dem Unteren Golo sicher unterwegs – Bächen mit ausgeprägtem drop-and-pool-Charakter und kurzen Katarakten. Der Obere Golo wäre für uns in diesem Stil auch möglich gewesen, der Travo ganz eindeutig nicht.

Einträge im Paddeltagebuch:

Tag 1: Tavignano 145 cm, mit Ralph

Einstimmung und Schönheit. Wir waren mit zwei Bayern auf dem Bach die wir auf unserem wunderschönen Campingplatz “Campita” kennengelernt hatten. Diese waren aber eher angeödet von unserem Schneckentempo, haha, als wir sie zufällig auf dem Fium Orbo wieder trafen hatten sie es eilig weiter zu kommen….. Ich war glücklich mal wieder auf einem “richtigen” Bach unterwegs zu sein. Schöner entspannter Paddeltag.

Tag 2: Unterer Fium Orbo mit Ralph. Pegelstand unbekannt. Umtragen: Schlitz, Aphrodite, Doppelstufe, Wehr, unsaubere Stelle welche sich nicht absichern ließ

Der Fium Orbo ist ein unglaublicher Bach der fast nur über Grundgestein läuft. Mit wunderschönen Niederklammen, tollen Stromzungen, Granitplatten, kraftvollen Stromzungen, Boofgebiet – eine Art Idealbild eine Wildbaches für mich. Selten habe ich so einen schönen Bach gepaddelt.


die Kraft der Stromzunge zieht mich

schwerelos über schneeweißen Granit

in lichtdurchflutetes Jetzt

Aphrodite von der Straße aus

irgendwo auf dem Fium Orbo

Der Schlitz - Boot abgeseilt und geschwommen

Pool nach dem Schlitz - ins Boot steigen und links boofen

Fium Orbo

Aphrodite - links Sneakline genommen

Druckvolle Stromzunge

Wiedereinstieg nach kurzer Umtrage

Wiedereinstieg Ralph

Doppelstufe kurz vor dem Schluß - eine Umtrage für uns

Pass Fium Orbo

hoch zum Pass Fium Orbo

...und wieder runter. Der Pass zum Fium Orbo bei der Heimfahrt. Allein diese Fahrt schon ist ein Erlebnis.

Tag 3: Golo Brücke bis Stausee mit Ralph, Genueser Brücke 110 cm, Start und Stufe am Schluß umtragen

Blick in die Schlucht des Golo beim hochfahren. Hier ist seltenst Wasser drin da unterhalb des Stausees gelegen.

Wir starten unterhalb der Genueser Brücke. Die erste Stufenkombi umtragen wir gleich weil sie uns “blöd kommt”, unsauber beim niedrigen Wasserstand.

Danach kommt eine tolle S-Kombi die Ralph zwei Mal paddelt weil die ‘Linie beim ersten Mal nicht optimal war und er rollen musste. Irgendwo im Gebüsch muß ein totes Tier liegen – es stinkt wie die Hölle. Wir haben den Geruch noch lange danach in der Nase leider.

Der Golo fliesst zuerst noch verspielt und leicht verblockt durch weites Gelände, später dann kommt man in eine wunderschöne Niederschlucht über weißgoldenem Granitgrundgestein.

Golo, Blick von der Genueser Brücke auf die letzten Meter des Oberen Golo

Stinkende S-Kombi

rechte Linie der hübschen S-Kombi

Mysteriöse Tausendfüßler welche sich zu selbstmörderischen langen Schlangen und kreisrunden Formationen zusammenfinden.

Bald kommen wir zu einem fantastischen Kanal den wir vollkommen unterschiedlich fahren – es überrascht immer wieder wie sich eine ein klein wenig andere Linienwahl auswirken kann.

Diese Stufe sah klasse aus. Ralph entschied sich sofort zu umtragen, ich wollte sie zuerst paddeln. Je länger ich sie ansah desto unsicherer wurde ich aber. Eine nur flach aber schnell überronnene  Platte leitet rechts einer Art Prallrinne in eine Stufe. Auf der rechten Seite in die Steine reinzudonner hielt ich für keine Alternative – die Linie wäre meiner Ansicht nach direkt über den rechten Rand des zurückströmenden Wassers der Prallrinne. Mangels Erfahrung konnte ich aber nicht einschätzen ob sich die Platte vernünftig boofen lässt und wie stark einen die Querströmung der Prallwand aus der Bahn werfen würde. Und so habe ich es auch gelassen.

Stufe am Schluß

Tag 5: Oberer Golo mit Ralph und Joe, 110 cm Genueser Brücke, verschiedene Stufen umtragen

Wir treffen Joe der ein paar Tage mit Gästen in Korsika gepaddelt ist und paddeln heute mit ihm den oberen Golo. Da der Wasserstand recht niedrig ist ist nicht die gesamte obere Strecke möglich.

Der Golo startet für uns auch hier auf goldgelben Granitplatten. Dieser Abschnitt ist schwerer als der Untere des Vortags, wenige Umtragen , fantastische Einzelstellen, unglaubliche Grundgesteinsrutschen.

unser Start in den oberen Golo

Joe beim Drop in ein Loch, danach eine giftige Stufe – für uns eine schnelle Umtrage

Der “Kanal” ist eine tolle Kombination

zuerst ins Kehrwasser über dem Kanal

dann durch

Ralph

Joe

Froschl am "Kanal"

Umtrage - seltsam verwinkelter Drop

Phantastische Niederklamm nach der Umtrage

Traumhaft

Nun kommt die absolute Knallerkombi – eine Stufe die ums Eck geht leitet in eine Rutsche, da gehts ums Eck. Der Drop ist fantastisch, ich tanke keinen Liter Wasser. Dafür versemmle ich die Anfahrt auf der Rutsche, knalle voll auf die gegenüberliegende Wand und gehe rein. Nach der Ecke unten kann ich wieder hochrollen. Ralphs Linie im Drop ist nicht so schön, funktioniert aber. Joes Hüpfer ist natürlich perfekt.

Joe

an dieser Passage flippe ich bald aus vor Begeisterung

Granitrutschen

Kurz vor Ende läuft der Golo kurz durch eine hohe Klamm, der Eingang zur Klamm ist ein Schlitz mit einem unangenehmen Rücklauf. Die Platten rechts welche man sonst runterrutschen kann sind zu wenig überronnen als dass man sie paddeln könnte. Ich verhaue die Linie total und muß unangenehm schwimmen, dann kann mich Joe mit dem Kajak rausziehen. Wären wir nur zu zweit gewesen hätten wir diese Stelle nur abgesichert gepaddelt.

Ralph setzt einen Crossschlag, das hätte ich wohl auch besser tun sollen...

das wird nichts

Auf den letzten 100 m direkt nach der Klamm läuft der Golo nochmal zu Hochform auf

Joe auf dem Weg nach rechts ins Kehrwasser

Ralph bei der danach folgenden Traverse

Fantastische Meter auf kräftigen blauen Stromzungen


Tag 6: Travo mit Ralph und Joe.  Pegel unter Brücke am Ausstieg 110 cm, sackschwer, heftige Umtragen, übler Schwimm bei erster Stufe. Lang! Taureau am Ende gerissen

“Freitag ist Travotag lautet die Devise, denn der Travo darf nur montags und Freitags befahren werden. Der Travo ist der Höhepunkt und auch wegen seiner oft fotografierten 3 hohen Stufen /Rutschen Sehnsuchtsziel unseres Paddeltrips. Joe war schon viele Male hier, er führt uns durch die endlos lange Schlucht mit zahlreichen teils enorm kräftezehrenden und anstrengenden Umtragen. Ich lasse meinen schweren Fotokoffer im Camp – es ist klar dass ich heute keine Zeit zum fotografieren haben werde denn auf dem Travo folgt schwere unübersichtliche Passage auf Umtrage auf schwere Stelle und so weiter – über ca. 6 km “Kernpassage”.

Ich bin sehr nervös, der Travo so viel ist auch klar liegt am Rand meinem paddlerischen Niveaus. Ohne kundigen Vorauspaddler, wenn man bei jeder unübersichtlichen Stelle scouten müsste, würde dieser Trip für Paddler  von Ralphs und meinem Kaliber zum tagesfüllenden Unternehmen. Was man so liest gab es auch durchaus Partien welche in der Schlucht übernachten mussten.

Schon recht bald nach dem Start kommt eine Passage welche Joe “Don`t look” nennt. Wir schauen trotzdem – aber was wir sehen gefällt zumindest mir nicht wirklich. Ralph aber kneift den Hintern zusammen und haut sich die Passage runter. Meinen höchsten RESPEKT dafür Ralph! Er muß auf der Hälft auf einer Rutsche stützen und rollt ganz unten bei Joe hoch. Unverletzt. Puh… Ich trage umgehend.

Ralph ! Don`t look ! (Foto von Joe)

Die vielen Rutschen bzw. Rinnen welche man paddelt sind genial. Nach einer Umtrage über steile Granitplatten setzt man in einen großen Pool ein und paddelt ein höheres Exemplar einer Rinne welche unterbrochen von einem Kehrwasser hinter einem großen Block in einer engen Passage mit einem Loch endet. Ralph befreit sich, rückwärts in das Loch einfahrend, beindruckend mit “Rückwärtschlägen beim Rollen” falls man das so ausdrücken kann. Dein Spielboottraining kam hier gut zur Geltung!

Einfahrt in die Rinne

Ich bin mir nicht mehr sicher wo das war - aber ich glaube es war bei den Rutschen vor den "Großen 3"

Manchmal verpeist man den Bären – und manchmal wird man eben vom Bären verspeist… (der Stranger zum Dude in Big Lebowski)

Irgendwann kommt man dann  nach vielen mehr oder weniger schweren Stellen an den “Dom” -  die oft fotografierten 3 hohen Rutschen/Stufen. Diese sind zwar hart am Rand steile Rutschen, in der Mitte bricht aber die Granitplatte ab es wird zu einer Art Stufe. Man paddelt am Rand in Richtung des Kehrwassers und zwar rechts – links – links. Hier mache ich einen folgenschweren  Fehler. Ich schaue mir die Stelle nicht selbst an, sondern beobachte nur Joe der als erster fährt, paddle dann aber zu weit links rein und boofe zudem nicht einmal ansatzweise denn ich weiß nicht dass es hier steiler wird. Ich plumpse stumpf in den Rücklauf und schwimme schon bald unter und vor dem Schleier. Der Schwimm wird übel. Ich treibe in Richtung der Mitte der Stufe. Irgwendwann bekomme ich Joes Heckgriff zu fassen aber rutsche ab. Ein italinischer Paddler setzt einen zweiten Versuch an, jetzt erwische ich den Griff richtig, er kann mich mit dem Kajak rausziehen.

Lektion gelernt

Ich habe tüchtig Wasser geschluckt und die Moral ist auch nicht mehr die beste. Nun im linken Kehrwasser schwimmend bzw. wackelig im Wasser stehend kommt man nicht raus auf die steile Platte. Joe hält meinen Taureau und ich klettere übers Heck wieder drauf und rein. Dann kommt die zweite Stufe. Diese erwische ich richtig, droppe auch so gut das auf einer steilen Rutsche eben geht, zudem wird man durch einen kleinen Felskicker unterstützt – aber kippe ins Kehrwasser rauschend um. Vor lauter Panik wieder im Rücklauf zu enden steige ich sofort aus, bin abger gleich an Land. Die Moral ist nicht besser geworden.

Die dritte niedrigere, aber nichtsdestotrotz stark rückläufige Stufe könnte ich einigermaßen problemlos umtragen. Ich bin versucht dies zu tun aber weiß auch wenn ich nun nicht wieder sofort ins Boot steige wird das nichts mehr. Das ist aber keine Option denn das Ende der Schlucht ist noch lange lange nicht in Sicht. So paddle ich die Stelle nach Joe und Ralph – und da ist er wieder, der Boof! Yeeha, das gibt Auftrieb.

Travo dritte Stufe

Es folgen viel schwere Stellen, einige enorm anstrengende Umtrage. Ich bin sehr froh über meinen leichten Taureau. Mit einem 27 kg Boot würde ich das nicht schaffen.

Umtrage mit abklettern

Blick zurück bei einer Umtrage

Auf dem letzten Kilometer oder so muß ich um an Ralph und Joe einigermaßen folgen zu können wie blöd pumpen – und verstehe garnicht warum… Das Gelände ist zwar noch anspruchsvoll aber nicht mehr richtig schwer, trotzdem habe ich dauernd Wasser im Boot! Beim Ausstieg sehe ich dann dass der Taureau heute endgültig kaputt gegangen ist, kein Wunder also.

Mein Liebling ist kaputt...

Wir waren ca 5 h auf dem Bach, hätten wir scouten müssen und uns alles selbst erarbeiten wäre es wohl deutlich mehr gewesen. Aber das war sowieso keine Option.

Der Travo hat mir ganz klar meine Grenzen gezeigt, der Schwimm war einer komplett falschen Linie verschuldet. Ich bin 3 Mal geschwommen (einmal davon weil meine Schnalle beim Rollen aufging) und habe 4 oder 5 Mal gerollt. So fertig wie ich heute war war ich glaube ich noch nie. Noch eine Woche danach steckte mir der Travo in den Knochen. Ein Erlebnis dieser Bach. Brauche ich aber so schnell nicht wieder.

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