-Costa Rica-

Von C-Nutzer, 5. April 2008 13:52

Heißer Kaffee, Urwald und lauwarmes WW

Immer wieder schauen wir neidisch auf unsere Kajak fahrenden Paddelkollegen und müssen eins zugeben: diese Boote haben gegenüber unseren einfach Vorteile die sich nicht verleugnen lassen. Damit, dass bei Open Canoes die Grenze im Wildwasser meist etwas weiter unten liegt ist ja der Reiz der Sache, aber das Transportproblem im Flugzeug ärgert uns wirklich.
Tourencanadier kann man in manchen Gebieten Nordamerikas leihen, kein Problem, oder den eigenen Faltcanadier mitnehmen, das geht zur Not auch noch. Aber dort wo es uns im Moment hinzieht hilft uns das nicht weiter. Schon Soloboote zwischen 3 bis 3,5m will schon kaum noch eine Fluggesellschaft transportieren, unser Esquif Blast Tandem mit seinen (eh nur) 3,96m lässt mich allein bei der Anfrage schon fast ein schlechtes Gewissen haben und so manches Ziel rückt dadurch in weite Ferne.

In den interessanten Paddelländern Mittel- und Südamerikas bekommen wir Nachfragen bei Veranstaltern immer wieder die gleiche Antwort:

“Klar verleihen wir Kajaks, aber warum Canadier? Auf unseren Flüssen kann man ja eh nicht Canadierfahren…” Und genau dabei hat mal wieder keiner mit den “crazy Germans” gerechnet…

Somit versuchten wir die Sache mal andersherum anzugehen und nach Ländern zu suchen in denen WW Canadier vorhanden sind und auch gemietet werden können. Lange dauerte die Suche nicht und wir sind auf Costa Rica gestossen. Dass der Anbieter dort gleich ganze Wochenprogramme inclusive Logistik vor Ort organisiert, kam uns als 2er “Gruppe” in Anbetracht der äußerst abgelegenen Ein- und Ausstiege sehr entgegen. Reichlich Bäche bis zum 4. Grad, warmes Wasser, Urwald, und die Hoffnung sogar das gleiche Boot wie zuhause zu paddeln und der Entschluss war gefasst…

Bodega von Costa Rica Rios

Rio Pejibaye ab Rafteinstieg an der Schule in Taus, WWII (III)

Hier war er also unser erster Fluss in Mittelamerika und neben uns liegt ein Esquif Blast den wir von Zuhause schon gewohnt sind. Wir haben ihn gestern in Turrialba in der “Bodega”, dem Materiallager von Costa Rica Rios, übernommen und alle nötigen Anpassungen vorgenommen. Das original Outfit ist ok und so beschränkten wir uns auf das finden von Paddeln in der richtigen Länge und der Schaffung von ein paar Befestigungsmöglichkeiten für unser Pelicase. Also Boot ins Wasser ziehen und erst mal wundern, denn selbst unsere dünnen Neohosen hätten wir bei den Wassertemperaturen zuhause lassen können. Aber immerhin schützen sie und die Lycra-Oberteile unsere noch recht weiße Winterhaut vor der sengenden Sonne.

Einstieg am Pejibaye im Regenwald

Im leichten Wildwasser gewinnen wir langsam wieder vertrauen, denn seit Dezember haben wir außer Flachwasser nichts mehr gepaddelt. Dank des leichteren Flusscharakters und einiger Übungsstellen wird das aber schnell besser und es geht auf dem fast etwas wenig Wasser führenden Flussabschnitt abwärts. Bald treffen wir nach einigen Rapids im II und unteren III. Grad plötzlich auf eine Ansammlung von Spielbooten, hier findet am Fluss ein Rodeo statt das, wegen der geringen Flussbreite an der Stelle, kurz unterbrechen und aufgrund des Fehlens anderer OCs den inoffiziellen ersten Platz in der Open Boat Wertung belegen.

Gleich unterhalb gibt es Mittagessen auf einer Sandbank am Fluss und wir dürfen Eric Jackson mit seinem Sohn und andere Paddler in der Welle beobachten. Das hätten wir hier im Urwald nicht erwartet.

Rodeo am Pejibaye

Nach dieser Aufwärmrunde starten wir zum 2. Paddelevent des Tages. Hinter der Schule von Taus geht es 5 Minuten auf einem steilen Pfad nach unten, wer vorher noch nicht warm war ist es spätestens jetzt. Dort unten erwartet uns ein traumhafter Einstieg unter Regenwaldbäumen die mit ihren riesigen Kronen einen schattigen Tunnel über den Fluss formen. Flechten hängen herunter, das Wasser glasklar, grünlich und wieder warm, der Fluss übersäht von metergroßen Monsterkieseln, immer wieder kleine Stufen formend. Dank der geringeren Breite hier oben ist er tiefer und einfach herrlich zu paddeln.

Das nennt man in Costa Rica Kiesbankschwall

Mittlerer Sarapiqui, WW III (III-IV)

Wieder ein kleiner Abstieg zum Fluss, der Einsatz direkt unterhalb einer Stromschnelle namens “Superman”. Die macht ordentlich Eindruck auf uns denn hier baut der Fluss unter entsprechendem Getöse schnell mal circa 5 Meter Höhe ab und die Spannung auf das vor uns liegende Stück steigt. Ganz so dick kommt es aber nicht, der Fluss, der deutlich mehr Wasser führt als der Pejibaye am Vortag, wartet aber durchaus mit Steigerungen zum Bisherigen auf. Wände, teils aus Konglomerat teils aus schräg liegenden Granitplatten, bilden oft riesige Prallpolster und wer sich traut lässt sich von ihnen um die Kurve drücken.

Anfahrt zu einer der Prallwände
Ein paar heftigere Stromschnellen mit ordentlichen Wellen im III.Grad, alles Drop and Pool machen der ganzen Truppe riesig Spaß. Die Schwierigkeiten lassen gegen Ende der Etappe immer mehr nach und erlauben es, sich mehr aus das Drumherum zu konzentrieren ohne gleich unbeabsichtigt irgendwo runterzuhopsen. Ganz wichtig: unterhalb der Hängebrücke am Ausstieg gibt es eine nette Spielwelle, hier kann man sich locker noch mal eine Stunde aufhalten und sich den Rest geben…

Abschlusssurf

...und noch eine Kerze...

Reventazon, Florida Section WW III (IV)

Eine gut 2 Stunden lange Anfahrt, meist über miserable Schotterstrassen zum Einstieg und brütende Hitze machten uns heiß aufs Wasser. Umziehen unter schattenspendenden Bananenblättern, ein kleiner Snack mit Keksen und los. Zum Anfang gleich schon mal ein 4er Rapid der etwas an die Memminger bei Hochwasser erinnert: Braunes Wasser, und davon jede Menge, wir sind beeindruckt.

Mächtiger Overflow

In der Aussenkurve ein mächtiger Overflow, viele kleine Walzen und Löcher die einem den Weg im offenen Boot nicht gerade erleichtern und ihr Bestes tun das Boot Liter für Liter vollzutanken. In der Innenkurve liegen die hier als Kies bezeichneten einem halben bis einem Meter Durchmesser messenden Kiesel immer wieder im Weg, aber die goldene Mitte unter Zuhilfenahme der linken Schulter dieses Ungetüms macht die Befahrung prickelnd aber im Großen und Ganzen problemlos.

Der Sneak am Monster vorbei

Einer unserer Kajak fahrenden Guides versucht sich nach einer 2-Minütigen Einweisung solo im Canadier an diesem Rapid und beendet ihn genau dort wo keiner von uns hinwollte: im Loch hinter dem Overflow und anschließend schwimmend an der Wand in der Außenkurve. Schnell ist der aber von seinen Kollegen wieder rausgefischt und nimmt’s mit Humor, versucht sich später noch mal mit Erfolg an einer Stromschnelle, allerdings einer deutlich ungiftigeren…

Ein Stunt unseres Guides

Im weiteren Verlauf des Reventazon erwarten uns noch ein paar ähnliche Kaliber im IVer Bereich, schnelle Surfwellen und lange Wavetrains. Die Wasserqualität hier ist leider aufgrund einiger Plantagen in der Nähe nicht so gut wie auf anderen Flüssen, der Wasserstand wegen eines Stausees relativ konstant. Auf diesem Abschnitt kann normalerweise gegen 11 Uhr mit etwas Zuschusswasser gerechnet werden. Nach dem Ausstieg der Florida Strecke folgt dann noch Wildwasser im Bereich IV-V, davon halten wir uns aber lieber fern.

Upper Bamboo Rapid

Upper Upper Pacuare WW III (III-IV)

Steingarten am Upper Upper Pacuare

Der Blick von der Brücke am Einstieg war vielversprechend, der Fluss durchsetzt mit Blöcken, massig Kehrwässer und hinter einer Linksbiegung verschwand er wieder im dichten Primärregenwald. Halbmeterstufen in rauen Mengen, manche auch deutlich höher, aufgrund kräftiger Verblockung nie besonders schnell und immer ausreichend groß für 4 Meter Boote. Einige Schmankerl im 4. Grad runden die Sache ab und es ist wieder ein Tag wie er schöner nicht sein könnte.

Big Drop am Upper Upper Pacuare

Lower Pacuare Day 1 WW III-IV (IV)

Aussicht Camp mit HüttenHeute geht’s auf den vermutlich unberührtesten Flussabschnitt unserer Reise, zumindest Landschaftlich. Haben wir in den letzten Tagen sonst kaum jemand getroffen ist das hier anders. Schon am mit Toilettenhäuschen versehenen und kostenpflichtigen Einstieg treffen wir auf andere Paddler und Rafter. Die gehen teils auf einen eintägigen oder, wie wir, auf einen zweitägigen Trip mit Übernachtung in einem der Dschungelcamps. Einige Raftcompanies haben nach den ersten 15-20 Rapids kleine, meist nur mit Raft oder Pferd zugängliche und versteckt liegende Camps in der Nähe des Flusses gebaut. In unserem Fall wurden ein rundum offenes “Haupthaus” und diverse kleine Hütten mit Seitenwänden aus Mosquitonetz auf einer ehemaligen Kaffeplantage angelegt. Tucane, Brüllaffen und Schlangen unter- und Gott sei Dank auch außerhalb unserer Cabins machen die Sache spannend und sorgen in Kooperation mit Grillen und Zikaden für eine nicht ganz leise Nacht. Zusätzliche Spannung verspricht der nächtliche 3-minütige Gang zur Toilette. Ohne Mondschein, mit einer kleinen Taschenlampe und winzigen Solarlichtern am Weg die ihr bestes geben ihren Umkreis von einem halben Meter mit funzeligem Licht zu erhellen was nicht immer besonders gut gelingt. Wegen der Abgeschiedenheit hier ist elektrischer Strom ansonsten Fehlanzeige.

Lower Pacuare Day 2 WW III-IV (IV)

Huacas WasserfallNach den ersten 10 Kilometern bis zum Camp gestern bleiben uns heute noch weitere 25, gespickt mit gut 30 Rapids. Nach der Nacht im Dschungelcamp werden unsere etwas unsichereren Mitpaddler in ein Raft verfrachtet und es bleiben somit noch 3 Canadier und 2 Rafts auf dem Bach. Die Fahrt im Gummibus hat besonders hier den Vorteil dass man sich in der unberührten Urwaldschlucht nicht immer wieder verzettelt weil man gerade einem riesigen, blauen Morpho-Schmetterlinge nachschaut oder versucht die zu den Geräuschen am Ufer gehörenden Papageien und Affen zu erspähen. Wasserfälle stürzen von beiden Seiten in den Fluss, in manche Seitenbäche kann man hochklettern und sich mit Fischen, die man sonst nur aus dem Aquarium kennt, unter Kaskaden in den gleichen Pool legen. Nach der gleichnamigen Stromschnelle prasselt von rechts der Huacas Wasserfall auf uns herab, der Fluss wird an den “Dos Montañes” von Felswänden in eine ruhige, nur ca 20m breite Schlucht gedrängt in der in den nächsten Jahren ein Staudamm entstehen soll um den Energierhunger von Costa Rica und seinen Nachbarländern zu stillen. Einige Onlinepegel zeigen schon, dass hier genau gemessen wird was an Energieertrag zu erwarten ist und trotz nationaler und internationaler Proteste steht es im Moment schlecht um dieses Stück Fluss das von National Geographic zu einem der 10 schönsten Raftflüsse der Erde gewählt wurde.

Alles in Allem sind an diesem Tag circa 30 Stromschnellem, meist WW III-IV und IV zurückzulegen. In diesem Fall tragen sie martialische Namen wie “oberer und unterer Friedhof”.

Heather im Esquif Zoom

Wie auch auf den letzten Etappen ist alles einfach zu besichtigen und notfalls auch Umtragen. Um diese relative lange Strecke aber in der Zeit zu bewältigen sollte sie nur sichere Fahrer angehen um nicht in die, nahe dem Äquator doch recht schnell einsetzende, Dunkelheit zu kommen.

Danny in lower Huacas

Allgemeine Infos:

Als Winterpaddelrevier ist Costa Rica nichts Neues, für alle die aber die Selbstorganisation scheuen, die teils recht versteckten Einstiege im Urwald nicht selbst suchen wollen oder einfach keine Gruppe in ausreichender Größe zusammenbekommen um so einen Trip selbst zu organisieren, hier die nötigen Fakten.

Flusscharakter:

Es ist alles dabei was das Paddlerherz begehrt. Meist handelt es sich um Drop and Pool Rapids mit Wassertemperaturen um 20 Grad. Gemütliche 2er sind ebenso möglich wie Wildwasser in den obersten Schwierigkeitsgraden.

Beste Zeit:

In Costa Rica kann man das ganze Jahr über paddeln, die Trockenzeit und somit das beste Wetter mit ausreichenden Wasserständen auf den meisten Flüssen gibt’s von Dezember bis März. Im Dezember findet man meist deutlich höhere Wasserstände, Ende März geht’s dann eher in Richtung Niedrigwasser. Mit Regen und erhöhten Wasserständen ist aber zwischenzeitlich immer zu rechnen.

Gefahren:

Im Prinzip dieselben wie im Alpinen Wildwasser Europas (abgesehen von Unterkühlungsgefahr), bei dieser Tour durch kundige und zahlreiche Guides praktisch keine

Anreise:

Viele Möglichkeiten, z.B. Air France über Paris und Miami, mit Delta über Atlanta oder mit Condor und Zwischenlandung in der Dominikanischen Republik.

Canadier und auch Kajakverleih sowie Rafting- und Adventuretouren:

Costa Rica Rios mit Sitz in Turrialba bietet erstklassige Unterkünfte, gutes Material und sehr guten Service.

Infos:

Im Land mit gut 50000km² (damit nur etwas Größer als Baden Württemberg) und ca.4 Millionen Einwohnern ist die Landessprache spanisch. Oft wird gut englisch gesprochen und neben dem Colón als Zweitwährung der USDollar akzeptiert.

Weitere Bilder:

unter www.bushpaddler.de

Eine Antwort für “-Costa Rica-”

  1. fez sagt:

    Lieber Florian,

    ich schnappe nach Luft, ehrlich. Das ist der Hammerblog des Jahrhunderts ! 1000 Dank dafür!
    GRANDIOS.

    Ich glaube ich brauche wieder einen Offenen…

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