Das coolste Paddelwochenende 2010!

Von C-Nutzer, 15. September 2010 12:41

bushpaddler und Wildwasserboard im Engadin

Nervös waren wir alle ein wenig an diesem Sonntagmorgen am Einstieg der Giarsunschlucht des Inn im Engadin. Keiner von uns war diese Strecke bisher gepaddelt und wusste genau auf was er sich einließ. Weder Nils noch Bernhard, beide im Kajak, noch Frank im C1 oder Martina und ich im OC2. Seit ca 3 Jahren liefen zumindest wir beide dieser Strecke schon nach, immer hatte es zu wenig oder zu viel Wasser. Und wenn der Wasserstand dann mal passte mangelte es schlicht und einfach an den richtigen Mitpaddlern. Dieses Wochenende war das anders und nach nur einer kurzen Verabredungs– und Planungsphase von ca einer Woche gingen wir bei bestem Wetter und topp Wasserstand endlich auf den Bach um uns den noch unbekannten Flussabschnitt zu erarbeiten…      

Scuoler Strecke

Gott sei Dank ging es aber nicht ganz unvorbereitet auf die Giarsun. Martina und ich trudelten bereits Freitag am späten Abend ein und schlugen unser Zelt am Camping Sur En auf.     

 

Bernhard, Frank und Nils (in alphabetischer Reihenfolge :-) ) schlugen ihr Nachtlager wegen schon fortgeschrittener Uhrzeit auf dem Flüelapass auf und kamen erst morgens zu uns auf den Camping. Dort hieß es dann den Wohnwagen abkoppeln, Boote umladen und auf zum “Warmpaddeln” auf die Scuoler Strecke. Diese bietet ca 8Km WWIII mit 3 markanten IVer Stellen und einem durchschnittlichen Gefälle von 10‰.     

Es zeigt sich gleich am Einstieg wie gut wir es getroffen haben. Schönes grünes Wasser, der Hochnebel verzogen, keine Wolke am Himmel und strahlender Sonnenschein. Wir halten noch ein kurzes Schwätzchen mit Alex (http://www.creeking.ch/) und Sanne die wir zufällig dort treffen, die beiden gingen mit ihren Mitpaddlerinnen und die auf Giarsun und Ardezer Schlucht. Auch für uns heißt es dann: nix wie auf’s Wasser!     

Das liebt unser Esquif Blast

Kurz nach dem Einstieg zeigt uns die Scuoler Strecke gleich in einem gefällstarken Schwall wo der Frosch die Locken hat. Hier können wir uns bei einer kurzen Besichtigung schon mal ein Bild machen was uns an diesem Wochenende noch so erwartet.    

 

Bernhard nimmt Maß

 

Nur nicht den Kopf verlieren

Dieser erste Schwall ist schnell besichtigt und weiter kein Problem. Ähnliche Stellen in etwas kleinerer Ausführung reihen sich aneinander wobei eine davon etwas unübersichtlicher ist als die anderen. Wir folgen der einfach aussehenden Linie zweier Kajakpaddler die genau in diesem Moment durch diese Stelle fuhren. Nils zuerst, etwas zu weit links und schon über einen Stein gestolpert. Wegen der niedrigen Wasertiefe hagelt es sofort Schläge auf seinen Helm und wir haben den ersten und einzigen Schwimmer des Tagen. Dass Frank hinter uns noch einen “Ein-Sekunden-Stecker” hat bekommen wir in der Hektik ums Mann und Material einsammeln gar nicht mit. Alles geht aber trotzdem gut und wir haben wieder gelernt dass selbst anschauen durch nichts zu ersetzen ist.     

     

Fez stylt die zweite Stufe

Bereits einige hundert Meter später kommt die zweite IVer-Stelle, ein 2 Stufiger Schwall mit Prallpolster an der rechten Wand. Auch hier geht es nach eingehender Begutachtung recht gut durch und im weiteren Verlauf wird die Strecke einfacher und bietet sogar eine Einkehrmöglichkeit im “Das Boot”, einem Cafe am linken Ufer unmittelbar nach dem Hotel Scuol Palace. Wer also genügend Zeit hat, Geld nicht vergessen oder den Wirt fragen ob man anschreiben lassen kann. Dass hier scheinbar eine Mineralwasserquelle (Sfondraz-Quelle) gefasst wird habe ich erst später im Internet erfahren.   

Nach so einer gemütlichen Einkehr die normalerweise eher am Ende einer Tour steht muss man sich erst wieder motivieren weiter zu paddeln. in Anbetracht der Verhältnisse an diesem Tag ist das aber nicht besonders schwierig. Im weiteren Verlauf der Strecke wird man schnell wieder munter und das ist auch gut so, denn die Kirche von Scuol (links auf einem Fels über dem Fluss) läutet die schönste Strecke der ganzen Strecke ein. Das Gefälle nimmt bis zur nächsten Brücke deutlich zu und man findscet sich bei diesem Wasserstand (18m³, Pegel Tarasp) in einem ca 300m langen traumhaften Steingarten wieder der unter der nächsten Brücke in einem Pool endet. Hier heißt es unbedingt rechts anlanden und die letzte schwierige Stelle zu besichtigen. Es handelt sich um einen leicht verblockten aber sehr gefällstarken Schwall von ca 50m Länge der linksufrig in einer Prallwand endet (WWIV+) und bei Bedarf leicht umtragen werden kann.Diese Option wurde heute auch von manchen gezogen und Martina und ich entschlossen uns nach ausführlichem Scouten und deutlich gestiegener Nervosität die Stelle zu fahren.     

Letzte Stelle der Scuoler Strecke

 Nach dem Check unserer Habseligkeiten (Fotokoffer, Rescue Kit, Wurfsack) und deren sicherer Verstauung im Boot geht es mit einer langen Kehrwasserausfahrt los. Dann, recht kurzentschlossen da wir es vorher nicht gesehen hatten, in ein Kehwasser auf die andere Flussseite. Arg klein ist es aber es scheint gerade so für unsere 3,96m Blast zu reichen. Gut treffen sollten wir es nun um nicht die ganze Aktion zu versemmeln indem wir rückwärts rausrutschen. Aber es klappt und wie sich herausstellt ist war ist eine gute Idee hier hin zu fahren. Erst von hier aus bietet sich nämlich ein Einblick in die bisher wegen einem großen Block nicht einsehbare erste Durchfahrt. Und genau hier versteckt sich ein Spielverderberstein der uns eventuell viel zu früh nach links und somit in Richtung Wand geschickt hätte. Und das ist die Stelle in die man wirklich nicht geraten möchte.     

Auch die Strömungsverhältnisse sehen von hier anders aus. Nicht schlechter sondern vielleicht sogar ein klein wenig besser und auch die beiden Walzen sehen anders aus. Über die erste sollten wir mit dem richtigen Timing drüber kommen ohne vollzutanken. Die zweite hat eine weniger Luftdurchsetzte Stelle links, wenn wir hier so durchbrechen dass sie uns den Winkel nach rechts mitgibt ist das schon die halbe Miete. Mit Hilfe des ersten Prallpolsters sollten wir dann noch etwas weiter nach rechts kommen und so das große 2. Polster samt zugehöriger Walze vermeiden können und wären durch. Ziemlich viel Pläne für 30 Meter und richtig schneller Strömung. 

Also rein ins Boot, nochmals alles kontrollieren, in Gedanken die Linie noch mal durchgehen, raus aus dem Kehrwasser und nun gilt’s. Nun nicht zu hoch ausfahren um Abstand vom Rücklauf des oberhalb stehenden überspülten Steins zu halten, trotzdem aber hoch genug um dessen langsame Strömung zu nutzen. Voooorsichtig weit genug zu traversieren bis wir direkt über dem Spielverderber sind und raus mit der Nase in die Strömung. Unser Blast dreht und los geht die wilde Fahrt. 2 ordentliche Vorwärtsschläge, eine kleine Richtungskorrektur von Martina im Bug. Hinter dem Block der uns zuerst die Sicht vom anderen Ufer aus versperrte gibt es noch eine Zunge langsameren Wassers. Zu nah für eine Kehrwassereinfahrt aber unsere rechte Kante greift darin uns es versetzt uns etwas nach rechts. Klasse! Perfekt! Bisher ist alles im Plan. Nun die Nase über die erste, kleinere Walze heben um die Richtung zu halten und keine Geschwindigkeit zu verlieren. Dann weiter vorwärts, Speed is your friend. Wir erwischen die nächste Walze sauber im grüneren Bereich, der Bug dreht minimal nach rechts. Prallpolster von links und damit ein weiterer Impuls nach rechts und “Yeeehaahaaaa”, knapp am dicken zweiten Polster vorbei und durch sind wir. Wir haben das Boot zwar nicht komplett trocken halten können aber immerhin trocken genug um manövrierbar zu bleiben. Vor lauter Freude vergessen wir fast das Kanten und gehen beinahe noch im Pool unter der Stromschnelle baden.     

Wir sind zufrieden, voller Adrenalin und wir stellen fest dass wir heute nicht mehr wie geplant Joggen gehen sondern uns erst mal gemütlich ein Bier aufmachen und entspannen.     

Genau das passiert auch schon früher als gedacht. Nach 2 oder 3 weiteren Schwällen geht es in den Stausee und nach ein paar hundert Metern zum Ausstieg kurz vor dem Kraftwerk Pradella. Nils hat dort in weiser Voraussicht schon beim Umsetzten ein paar kleine Bier und Radler in einen kalten Bach zum Kühlen versteckt. Das nenne ich mal vorausschauendes Verhalten…     

Bis das Auto vom Einstieg geholt ist sind die Klamotten praktisch trocken. Wir jammern noch ein bisschen rum und beschweren uns über diesen Tag wie es sich für richtige Deutsche gehört und gehen dann zufrieden nach Scuol zum Essen. Dort bekommen sogar noch eine ordentliche Pizza im Gasthaus direkt an der Hauptstraße. Nach einem kleinen Absacker am Camping fallen wir alle zufrieden ins Bett und schlafen voll Vorfreude dem nächsten Tag entgegen…  

Giarsun Schlucht

Sehr ruhig ist es am Einstieg, ruhiger als normal. Zum einen ist unten am Fluss von der Strasse relativ wenig zu hören, zum anderen wird während des Einsetzens der Boote, Kontrollieren der Ausrüstung und Dehnen der relevanten Muskelgruppen kaum ein Wort verloren. Normalerweise ist die Gruppe dabei deutlich gesprächiger als heute. Ob’s an der Nervosität liegt :-) …    

 

Von dieser Strecke kennen wir kaum mehr als Bilder und ein paar Randdaten: Leichter Beginn, Preußenschleuder, 13‰ Gefälle, WWIV, nicht mal die Länge hat sich jemand richtig gemerkt und die Schätzungen bzw Erinnerungsversuche liegen zwischen 9 und 11km. Eigentlich egal denn so schnell wird es ja um diese Jahreszeit noch nicht dunkel…     

Der erste Punkt der Beschreibung kann schnell geklärt werden: Am Anfang geht es wirklich nur mit WWI los und steigert sich sehr langsam. Für Einsteiger wären die ersten 4 Km ein ideales Übungsgebiet, leichte Verblockung bei mäßigem Gefälle bietet 1000 Möglichkeiten zu Üben und für uns heute die Möglichkeit zu Kontrollieren ob man die Linie trifft. Mit den Gefälle steigt auch unsere Zuversicht aber mancher fragt sich nach einigen Kilometern wo die 13 Promille dieser Strecke denn herkommen sollen.     

Beginn der Schlucht

Einfach nur schön

Ein paar Kurven weiter lüftet sich dieses Rätsel als wir vor einer Art kleinem Schluchteingang stehen. Ein Paar Schwälle weiter an der Preußenschleuder wird es endgültig klar: Voila, hier kommt es, unser Gefälle!     

Erfrischende Linie

Suchbild: Franks erfrischende Linie

 Wir schauen uns diese erste, schon ordentlich verzwickte Stelle einige Zeit an bevor Frank zum Paddel greift und als erster fährt. Er beginnt deutlich weiter rechts als wir das erwartet hätten, zieht aber dann nach links. Etwa bei der Hälfte kreuzt er über die Ideallinie nach links, etwas zu weit links. Die letzte Stufe fährt er unter Zuhilfenahme eines Steins an der linken Seite, bekommt von rechts Wasser aufs Deck und kippt. Nur noch Formsache an der Stelle, kurz das Paddel sortiert und wieder hochgerollt. Wir sind nun schon schlauer und uns über die Linie einig.

Nils

Nils

Bernhard fährt als Nächster, trifft die Linie perfekt und ist durch. Ähnlich ist es bei Nils den nur das Prallpolster rechts ein wenig schubst. Wir schaffen es die Linie so zu paddeln dass wir immer oben bleiben, nie richtig eintauchen, kommen sehr gut durch und haben am Ende keine 10 Liter Wasser im Boot. Das ging ja wirklich wie geschmiert und schaut einfach aus wenn’s gut klappt.    

http://www.youtube.com/watch?v=IjNz-rnVitk    

Weiter geht es bei Sonnen und Schattenspielen in dieser schönen Schlucht.   

Eine von unzähligen Stufen

Das grüne Wasser tut sein übriges und lässt den ganzen Run sehr freundlich erscheinen. Immer wieder legen wir kurz an, schauen über ein paar Steine da die Durchfahrten nicht immer sofort ersichtlich sind und hangeln uns von Kehrwasser zu Kehrwasser. – Ist das geil hier, ich dreh durch. - Viel Gefälle, fast immer mehrere Linien, knackige Kehrwässer und schöne Stufen. Komplett begeistert sind wir vom Drop and Pool Charakter und dem Wasserstand von 16-17m³.    

   

Immer wieder ordentlich am Stock ziehen ist gefragt und einige grandiose Schwälle und Stufen später kommen wir an eine scharfe Rechtskurve, dem “Pingpong”.   

Pingpong

Pingpong

Frank auf der richtigen Linie

Frank auf der richtigen Linie

 Wir schauen uns die Sache an, Bernhard beurteilt die Lage von der anderen Flussseite richtig setzt ein Kehrwasser höher ein und nimmt die rechte Durchfahrt. Von unserer Flusseite aus folgen ihm Frank und Nils, nur wir wollen angesichts des Pools danach eine andere uns interessant erscheinende Route wählen. Wir traversieren in das Kehrwasser aus dem Bernhard zuvor nicht ausgefahren ist und versuchen eine kurze Ausfahrt um den großen stark angeströmten Block in der Mitte herum. Nicht der beste Plan wie sich innerhalb weniger Zehntelsekunden herausstellt. Wir reiten auf das Prallpolster auf, soweit sind wir noch im Plan. Danach wollen wir uns von der Strömung den Bug drehen lassen, sitzen aber so hoch auf dem Prallpolster dass der Bug kein Wasser erwischt. Also versuchen wir mit Gewalt zu drehen was aber in einem herumtaumeln um diesen Felsen endet und in einer Kipptendenz nach rechts. Das dann endlich von rechts den Bug anströmende Wasser bräuchten wir nun eigentlich nicht mehr, es erledigt den Rest und wir kentern. Luft anhalten, Paddelseite wechseln und Rollen! S§#%&e, geht nicht! Wir treiben direkt auf einen Stein und bleiben daran hängen. Der ist stärker und wir müssen aussteigen, das bereit stehende Rettungspersonal beanspruchen und sind 10m später schon wieder an Land.   

 

Weiter geht’s in dieser Drop and Pool Manier und langsam werden die Arme lang. Wir besichtigen gerade eine der letzten Durchfahrten durch ein paar große Blöcke als uns Alex, Anne, Lotte und Sanne einholen und erzählen es wären nur noch 5 Minuten zum Ausstieg Nur noch eine ordentliche Stufe, schade eigentlich. Der von uns bis dahin gesuchte Siphon existiert nicht mehr, wir fahren die letzten Meter gemeinsam bis zum Ausstieg und können es kaum fassen was für ein feines Stück Fluss das war.    

Die letzte Stufe

Die letzte Stufe

Die Strecke heute war sooo cool, an unserer Komfortgrenze, wir haben sie uns selbst erarbeitet und es hat so gut wie alles geklappt. Es ist nichts passiert, wir hatten eine tolle Gruppe unter perfekten Bedingungen und das machte diese beiden Paddeltage zu einem Wochenende wie man es leider nur selten erlebt.     

Ich paddle noch die ganze Nacht Kehrwässer, kann gar nicht richtig schlafen und bin Montag nur Physisch in der Arbeit anwesend. Davon kann ich noch lange zehren und muss schnellstmöglich wieder aufs Wasser, wohl wissend dass dieses Wochenende ein Ausnahmewochenende war.     

Vielen Dank an Bernhard, Frank und Nils dafür!   

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Weitere Bilder und Flussbeschreibungen zum Inn und anderen Flüssen findet Ihr unter
www.bushpaddler.de

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